Genau vor sechs Jahren, im Mai 2020, erlebte das deutsch-tschechische Grenzgebiet eine der schwierigsten Phasen der jüngeren Geschichte. Die Welt war durch die Covid-19-Pandemie gelähmt, und die Grenzen, an deren Offenheit wir uns über Jahrzehnte gewöhnt hatten, wurden von heute auf morgen dichtgemacht. Doch genau in dieser Zeit entstand die neue internationale Bürgerinitiative „Samstage für die Nachbarschaft“ (Soboty pro sousedství), die beschloss, der Trennung von Familien und Freunden mit Menschlichkeit entgegenzuwirken.
Die Initiative startete die Reihe von Treffen der durch die Corona-Barriere getrennten Nachbarn am Samstag, dem 16. Mai 2020, ab 14 Uhr. Eine der am stärksten wahrgenommenen Begegnungen fand damals an der Ackerl-Kapelle zwischen Libá und dem deutschen Selb statt. Die Menschen kamen jedoch damals an weiteren elf Orten der sogenannten grünen Grenze zusammen. Ziel war es, unmissverständlich auf die negativen Folgen der geschlossenen Staatsgrenzen hinzuweisen.
Foto: Treffen an der Ackerl-Kapelle zwischen Libá und dem deutschen Selb – Mehr Fotos von der Aktion hier
An der Veranstaltung nahm damals eine Reihe lokaler Politiker von beiden Seiten der Grenze teil. Unter den Anwesenden waren der damalige Bürgermeister von Aš Dalibor Blažek, der stellvertretende Bürgermeister von Aš Pavel Klepáček, die Bürgermeisterin von Libá Věra Votíková, die stellvertretende Bürgermeisterin Ludmila Danylecová, der Bürgermeister von Hohenberg an der Eger Jürgen Hoffmann sowie der Bürgermeister von Selb Carsten Hentschel. An den Grenzsteinen trafen sich jedoch nicht nur Stadtvertreter, sondern vor allem langjährige Freunde und getrennte Familien, die durch den Staatsapparat voneinander isoliert worden waren.
„Es ist noch gar nicht so lange her, da haben wir gemeinsam mit der Stadt Selb geplant, das 30-jährige Jubiläum der Grenzöffnung mit einem Festkonzert zu feiern. Niemand von uns hätte damals gedacht, wie wenig es braucht, damit die Grenze wieder geschlossen wird“, sagte der damalige Bürgermeister von Aš, Dalibor Blažek. „Ich erinnere mich noch an die Zeit des Eisernen Vorhangs, als die Grenzen unpassierbar geschlossen waren und von bewaffneten Soldaten bewacht wurden. Eine solche Situation gibt es heute nicht mehr, und ich hoffe, dass sie auch in Zukunft nie wieder eintreten wird“, merkte er während des Treffens an.
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Die Menschen an den Grenzen waren sich damals einig in ihrer Forderung nach einer schnellstmöglichen Öffnung der Übergänge und einer Minimierung der staatlichen Einschränkungen. Durch die Grenzschließung waren schließlich von heute auf morgen ganze Familien voneinander abgeschnitten.
„Es hat uns enttäuscht, dass die Regierung der Tschechischen Republik in diesem Moment über die Öffnung der Grenzen zu Österreich und Polen verhandelt, aber die Bundesrepublik Deutschland vergisst. Wir haben uns daher entschlossen, die Zeit der schrittweisen Lockerung der Notstandsmaßnahmen zu nutzen. Wir bereiten ein kleines Protestkonzert vor, das an der Grenze Aš – Selb stattfinden wird“, plante Bürgermeister Blažek im Mai 2020.
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Die unauffällige Kapelle im Wald bei Libá wurde so zu einem Symbol des Trotzes gegen die damaligen Regierungsverordnungen. Die Situation mit der Grenzschließung bedauerte damals auch die Bürgermeisterin der Gemeinde Libá, Věra Votíková, zutiefst.
„Die Situation, die uns getroffen hat, hat uns sehr überrumpelt. Wir waren unvorbereitet. Für die Zukunft hat sie uns sicherlich eine Lehre erteilt, und es ist wichtig, dass wir gemeinsam an weiteren Maßnahmen arbeiten, damit die Grenzen nicht so lange geschlossen bleiben, falls es in Zukunft zu einer ähnlichen Situation kommen sollte“, vertraute sich die Bürgermeisterin damals an der Grenzlinie an. „Die Freunde aus Hohenberg und anderen Grenzstädten fehlen uns sehr, denn es sind echte Freunde, mit denen wir uns regelmäßig treffen und mit denen wir sehr gerne Zeit verbringen. Ich hoffe, dass die Situation so schnell wie möglich bewältigt wird und wir uns wieder besuchen können“, fügte Věra Votíková hinzu.
Heute, nach sechs Jahren, in denen diese restriktiven Maßnahmen nur noch eine Erinnerung sind, mahnen uns die damaligen Ereignisse an der Ackerl-Kapelle, wie zerbrechlich die Offenheit Europas sein kann und wie stark die Bindungen zwischen den Menschen in unserer Region sind.
