Brünn erlebte ein Ereignis, das die Wahrnehmung der deutsch-tschechischen Beziehungen grundlegend verändert. Auf Einladung der Bürgerinitiative Meeting Brünn fand der Sudetendeutsche Tag zum allerersten Mal auf dem Territorium der Tschechischen Republik statt. Das traditionelle Pfingsttreffen, das in diesem Jahr seine 76. Auflage feierte, stand unter dem Motto „Alles Leben ist Begegnung“. Unterstrichen wurde die Bedeutung des Ereignisses durch die Anwesenheit von Nick Winton, dem Sohn von Sir Nicholas Winton, sowie durch die Tatsache, dass die bayerische Sozialministerin Ulrike Scharf an allen Programmtagen persönlich teilnahm.
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Das Programm begann am Donnerstag auf dem Brünner Hauptbahnhof. Auf dem fünften Bahnsteig, von dem aus während des Zweiten Weltkriegs die ersten Deportationszüge in die nationalsozialistischen Vernichtungslager abfuhren, gedachten 550 Menschen der Opfer der Shoah.
Der Sprecher und oberste politische Vertreter der sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, bat hier erneut um Vergebung für den Anteil der Sudetendeutschen an den nationalsozialistischen Verbrechen. „Unser heutiges Erinnern ist ein Dienst an der Zukunft“, erklärte Bernd Posselt. Tomáš Kraus, Geschäftsführer der Föderation der Jüdischen Gemeinden in der Tschechischen Republik würdigte, dass das Treffen gerade in Tschechien stattfindet. Zu denkrau Ehrengästen gehörten neben Nick Winton auch Milena Grenfell-Baines und Eva Paddock – zwei Frauen, die als Kinder von Sir Nicholas Winton durch einen Transport von Prag nach Großbritannien gerettet worden waren.
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Am Freitag kamen die Menschen auf dem Mährischen Platz (Moravské náměstí) zusammen, wo die Organisatoren eine lange Tafel gedeckt hatten. Sudetendeutsche sprachen hier bei Essen und Musik mit den Einwohnern von Brünn. Unter die Menschen am Tisch mischte sich auch Steffen Hörtler, Landesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Bayern und stellvertretender Bundesvorsitzender. Hörtler wurde zu einer der Schlüsselfiguren des gesamten Wochenendes, die dazu beitrugen, vormals abgelehnte Themen anzusprechen und einen direkten Dialog zwischen beiden Seiten aufzubauen.
Am Abend verlagerte sich das Programm in das Beseda-Haus (Besední dům), wo der Schriftsteller und ehemalige Dissident Milan Uhde den Karls-Preis Europa, die höchste sudetendeutsche Auszeichnung, entgegennahm. Bernd Posselt beschrieb ihn als „todesmutigen Vorkämpfer der Menschenrechte, bedeutenden, völkerverbindenden Schriftsteller und Politiker von europäischem Format“ und fügte hinzu, dass das Treffen in Brünn im Grunde dank Uhdes Initiative zustande gekommen sei.
Bernd Posselt, Andreas Miksch, Milan Uhde – Mehr Fotos von der Aktion hier
Ebenfalls im Beseda-Haus sprach die Brünner Oberbürgermeisterin Markéta Vaňková. Sie bezeichnete die Wahl des Ortes als symbolisch, da das Gebäude vor mehr als 150 Jahren als Zentrum des tschechischen nationalen Lebens errichtet wurde. „Es ist mir eine Ehre, dass Brünn zum Begegnungsort für Menschen geworden ist, die weder die Geschichte umschreiben noch die Schuld relativieren wollen, sondern die versuchen, vor allem nach vorne zu blicken. Wir können die Geschichte nicht ändern. Wir können jedoch die Art und Weise ändern, wie wir darüber sprechen, wie wir sie verstehen und wie wir mit ihr umgehen“, sagte Markéta Vaňková und äußerte die Hoffnung auf ein neues Kapitel der gegenseitigen Beziehungen, das auf der Verantwortung für ein gemeinsames Europa basiert. Sie grenzte sich auch gegen Kritiker der Aktion aus den Reihen einiger Politiker ab: „Die unflätigen Äußerungen, die dem Sudetendeutschen Tag vorausgingen und von dem Wunsch nach Selbstdarstellung getrieben waren, hatten eine ungewollte Bedeutung. Sie haben gezeigt, ob wir wieder zulassen, dass jemand vergangene Traumata zur Manipulation missbraucht, oder ob wir in der Lage sind, in der Geschichte nach Lehren zu suchen. Daran zeigt sich die menschliche Reife.“
Am Samstag gedachten die Teilnehmer der Opfer am Massengrab in Pohrlitz (Pohořelice), von wo aus der Brünner Todesmarsch-Gedenkzug (Pochod smíření) in Richtung Stadt aufbrach. An seinem Start fehlte Steffen Hörtler nicht, und die Zahl der Teilnehmer im Zug wuchs im Laufe des Weges auf vier- bis fünftausend Menschen an.
Der Kongress erhielt starke Unterstützung von hochrangigen Vertretern der tschechischen Politik und Gesellschaft. An der Veranstaltung nahmen der Senatsvorsitzende Miloš Vystrčil, die Senatorin Miroslava Němcová, der Europaabgeordnete Alexandr Vondra, die ehemalige Ombudsfrau Anna Šabatová, die Eishockey-Legende Dominik Hašek und viele andere teil.
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Bernd Posselt erinnerte in Pohrlitz an den französischen General Charles de Gaulle, der nach der Niederlage Hitlers die deutsch-französische Versöhnung durchsetzte und vom „Frieden der Tapferen“ sprach. Posselt betonte, dass Frieden Mut erfordert: „Krieg und Haß stiften kann hingegen jeder Idiot.“ Die Bedeutung des Treffens würdigte auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, der hervorhob, dass es den Organisatoren gelungen sei, aus der einstigen Vertreibung das Fundament für die heutige Versöhnung zu schaffen.
Die bayerische Sozialministerin Ulrike Scharf bezeichnete das Treffen als ein Friedenssignal für die ganze Welt. Ihr zufolge ist es entscheidend, dass dort, wo die Menschen in der Vergangenheit Angst erlebten, heute Raum für Dialog is. „Versöhnung beginnt im Kopf und wächst im Herzen“, sagte die Ministerin.
Der Höhepunkt der Veranstaltung war die gemeinsame tschechisch-deutsche Kundgebung am Sonntag auf dem Brünner Messegelände. Hier sprach Steffen Hörtler, der in seiner emotionalen Rede der Stadt Brünn und ihren Vertretern für den Mut dankte, den sie bewiesen hatten, als sie den Kongress auf ihrem Territorium überhaupt unterstützten. Ihm zufolge eröffnet diese Veranstaltung eine „neue historische Etappe“ in den deutsch-tschechischen Beziehungen. Er betonte, dass es bei dem Treffen nicht um das Aufreißen alter Wunden gehe, sondern um die gemeinsame europäische Zukunft, das Überwinden von Grenzen und den gegenseitigen Dialog.
Die politische Hauptrede hielt der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, der offizielle Schirmherr der sudetendeutschen Volksgruppe ist. Er hob die Rolle der Sudetendeutschen beim Wiederaufbau des Nachkriegseuropas hervor.

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„Die Sudetendeutschen sind Brückenbauer für Frieden und Versöhnung in Europa. Der erste Sudetendeutsche Tag in Tschechien sendet eine historische Botschaft. Ein großes Friedensfest mit einem herzlichen Willkommen in Brünn ist der Beginn einer noch größeren Freundschaft und Zusammenarbeit“, erklärte Markus Söder und kündigte an, dem tschechischen Organisationskomitee in Brünn die Bayerische Europa-Medaille zu verleihen.
Ministerpräsident Markus Söder
Söder erinnerte an die schweren Anfänge der Vertriebenen in Bayern, wo sie ohne Besitz ankamen, und bezeichnete sie als den „vierten bayerischen Stamm“, der eine neue Heimat aufgebaut habe, ohne seine Wurzeln zu vergessen. „Die Sudetendeutschen haben zusammen mit ihrem Sprecher Bernd Posselt auf den Trümmern der vergangenen Jahrzehnte ein europäisches Friedenswerk geschaffen: Statt auf Revanchismus setzen sie auf Miteinander“, würdigte der Ministerpräsident. Neben ihm begrüßte auch der Hauptmann der Region Südmähren (Jihomoravský kraj), Jan Grolich, das Pfingsttreffen als ein starkes Signal für ein vereintes Europa.
Anna Šabatová, Perer Barton – Mehr Fotos von der Aktion hier
Die Bedeutung der Veranstaltung für die Zukunft fasste auch David Heydenreich, M.A., verantwortlich für Öffentlichkeitsarbeit und Projekte, zusammen. Ihm zufolge erwies sich der erste Sudetendeutsche Tag auf tschechischem Boden als ein historischer Durchbruch. „Was früher undenkbar schien, ist Wirklichkeit geworden. Brünn ist zum Ort eines gemeinsamen Bekenntnisses von Sudetendeutschen und Tschechen zur Völkerverständigung und zu einem vereinten Europa geworden“, sagte Heydenreich.
Ein abschließendes Resümee und einen Ausblick auf die Zukunft zog auch der Leiter des Sudetendeutschen Büros in Prag, Peter Barton. Er räumte ein, dass die Organisation des historischen Treffens von großen Sorgen bezüglich der Reaktionen der tschechischen Öffentlichkeit und möglicher Konflikte begleitet war. Die angekündigten Proteste blieben letztlich jedoch ohne nennenswerte Resonanz.
„Unsere Landsleute besuchen die ehemalige Heimat bereits seit 1968, aber das Treffen in Brünn brachte eine völlig neue Qualität. Ehemalige und heutige Bewohner der Region kamen an einem Tisch zusammen und konnten feststellen, wie viel sie verbindet und wie wenig sie heute noch trennt“, betonte Barton und blickte bereits nach vorne auf das kommende Treffen in Nürnberg. „Ich bin zuversichtlich, dass auch dort so viele tschechische Freunde anreisen werden, wie es in den vergangenen Tagen in Brünn der Fall war.“
Die zukünftige Ausrichtung der Beziehungen definierte Bernd Posselt zum Abschluss mit einem Zitat aus Sophokles‘ Antigone: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.“ Genau dieser Gedanke sollte seiner Meinung nach den weiteren Dialog bestimmen. Das Wochenendtreffen, zu dessen Programm auch Gottesdienste gehörten, die vom Prager Erzbischof Jan Graubner und dem emeritierten Bischof František Radkovský zelebriert wurden, endete mit einem feierlichen Gedenkakt am Montag an den Kaunitz-Kollegs (Kounicovy koleje), dem einstigen Brünner Sitz der Gestapo.
